Internet wird weiblicher
Das wird vor allem die Herren der Schöpfung freuen (wenn sie weibliche Gesellschaft mögen) oder auch nicht (wenn sie sich von weiblicher Gesellschaft bedroht fühlen): Laut aktuellen Erhebungen der britischen Regulierungsbehörde Ofcom ist bei den 25- bis 49-jährigen Surfern die Mehrheit weiblich (siehe auch persoenlich.com). Zum ersten Mal übrigens, denn lange galt DER typische Surfer als männlich.
Die Frauen übernehmen also auch im Web die Macht. Zeit, sich über die Blogsprache Gedanken zu machen.
"In diesem Text wird der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist mit eingeschlossen."
Auf solche Sätze bin ich allergisch. Entweder, man(n) verwendet die männliche Form und steht dazu oder man versucht sich in textlicher Gleichberechtigung. Also Surfer und Surferin, Nutzer und Nutzerin oder Surfer/-in, Nutzer/-in usw. Hässlich, ohne Zweifel.
Das Problem kann jedoch ganz einfach durch eine neutrale Form umgangen werden. Surfende und Nutzende (nicht zu verwechseln mit Nutzlosen), Lesende, Schreibende, Textende usw. Zwar nicht viel eleganter als die zusammengesetzte oder separate Doppelform, aber wenigstens lesbarer.
Wer jetzt meint, das sei alles egal, dem stimme ich nur bedingt zu. Persönlich ist es mir gleich, ob Schreibende mich in ihrem Text mit der männlichen, der weiblichen oder gar der geschlechtsneutralen Form ansprechen. Das ist auch der Grund, weshalb ich selbst diesbezüglich etwas nachlässig bin.
Objektiv betrachtet ist es jedoch alles andere als egal. Denn unsere Wahrnehmung der Sprache beeinflusst auch unser Bild der Sprachkultur und damit das der Gesellschaft. "So en Chabis!", wird jetzt mancher rufen. Wirklich?
Ein Beispiel:
Immer wieder reagieren meine Seminarteilnehmenden stark irritiert auf die journalistische Regel, dass dem Nachnamen kein "Herr" oder "Frau" vorangesetzt wird. Bemerkenswert ist vor allem, dass sie es bei Männern noch einigermassen akzeptieren, es bei Frauen aber fast undenkbar scheint. Und - Hand aufs Herz - wer in der Zeitung einen Namen ohne Vornamen und Anredeformel liest, der nimmt automatisch an, dass damit ein Mann gemeint ist.
Das Zuordnen eines alleinstehenden Nachnamens in Printmedien zum männlichen Geschlecht ist ein weit verbreitetes Phänomen. Die Ursache liegt darin, dass Männer in Printmedien lange Zeit fast unter sich waren und heute noch viel stärker vertreten sind. Durch das Ungleichgewicht der Geschlechter hat man sich also daran gewöhnt, den Namen als männlich zu interpretieren, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Im Web reagieren wir nicht anders. Oder hat jemand von euch gemerkt, dass Frauen bereits die Mehrheit der Surfenden ausmacht? Eben. Diese Entwicklung wirkt sich verzögert in Sprache und Kommunikationskultur aus, man merkt kaum was davon. Zeit also, sich sprachlich anzupassen.
Aber keine Angst, ich schreib zukünftig nicht alles voll gender. Aber werde mir selbst beim Tippen wieder etwas mehr auf die Finger schauen.
Übrigens sind laut der erwähnten Erhebungen nicht nur die Frauen im Web stark in Kommen, sondern auch die ältere Generation. Weiss jemand, auf welche Spracheigenheiten die Silversurfenden besonders gut ansprechen?




4 Kommentare:
Was ist denn - bitte - weiblich??
Ich verwende schon lange nicht nur das Wort herrschen, sondern auch "frauschen", wenn passend!
Vor allem dann, wenn "ohne" ausdrücklich angenommen werden muss, es könne sich nur um Männer handeln... ;)
Ich wehre mich auch gegen den stillschweigenden Einbezug von Knaben in das Wort Kinder, wenn damit impliziert wird, es gehe sowieso vor allem um Mädchen!
Mein erster Kommentar bei Dir, und gleich mit mehr oder weniger heftigem Widerspruch. :-)
Der typische Surfer war für mich noch nie männlich; der männliche war nur lauter, und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern. ;-)
Den sprachlichen Aspekt sehe ich etwas anders. Genus und Sexus (grammatisches und natürliches Geschlecht) sind zwei grundverschiedene Dinge, die außer zufälligen sprachlichen Äußerlichkeiten nichts miteinander zu tun haben. Außerdem hat jede Sprache ein Kollektivum, das alle Geschlechter einschließt. Was ist daran diskriminierend? Das durch sprachlich und optisch häßliche Kunstkonstrukte zu ersetzen, finde ich nicht sonderlich gelungen.
Was die anredelose Verwendung von Nachnamen in der Presse angeht, stimme ich Deinen Seminarteilnehmern allerdings zu, wenn auch aus einem Grund, der nichts mit Männlein-Weiblein zu tun hat: Ich finde sie schlicht unhöflich.
@thommen
Herr..., Verzeihung, fraulicher Kommentar ;-)
@gabi
Leider kann unser Alltagsverstand, sprich das, was beim Lesen automatisch mitdenkt, nicht so gut zwischen Genus und Sexus unterscheiden wie der wissenschaftliche Intellekt. Sonst wären diese Diskussionen tatsächlich überflüssig.
Dein Unhöflichkeits-Empfinden betreffend fehlender Anrede in Ehren, aber es ist fehl am Platz. "Herr" oder "Frau", "Dr." oder "Prof." sind Titel oder Floskeln, keine Informationen. Deshalb wird in Medien darauf verzichtet. Logisch und praktisch, mit mangelnder Höflichkeit hat das allerdings herzlich wenig zu tun.
Und danke für Deinen ersten Kommentar. Dass er kritisch ist, finde ich sogar gut :-)
Danke für die Aufklärung, Daniela. Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage doch noch Journalismus studieren, um’s richtig zu machen und zu verstehen.
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